Was ist ein Grenzgang/Beating the Bounds?

Regionale Begriffe 
Laut Duden ist der Grenzgänger „jemand, der häufig (illegal) eine Grenze überschreitet“. Hier ist aber nicht das Überschreiten sondern das Beschreiten einer Grenze gemeint, den Gang um ein Gebiet herum, eine Grenzbegehung. Den englischen Ausdruck „beating the bounds“ definiert das Wörterbuch Collins so: „die Grenzen einer Pfarrei zu bestimmen, indem man sie mit einer Prozession umschreitet und mit Ruten auf den Boden schlägt“. Im deutschen Sprachraum gibt es verschiedene regionale Ausdrücke für diesen Brauch: in Hessen „Grenzgang“, in Westfalen „Schnadegang“ oder „Schnatgang“, im Burgenland „Hottergang“, in Teilen der Schweiz „Banntag“, vielerorts „Flurumgang“, d.h. eine Kirchenprozession. 

Ursprünge
Möglicherweise liegen die Ursprünge im römischen Fest der Terminalia, bei dem man Grenzsteine mit Blumen schmückte. In England wird der Brauch vor mehr als 1.000 Jahren schriftlich bezeugt. In der englischen Tradition fand das „beating“, d.h. Schlagen, auf zweierlei Art statt: man schlug mit Weidenruten auf Grenzmarkierungen und verprügelte auch noch Knaben aus der Gemeinde oder stieß sie auf einen Stein. Durch den Schmerz sollten sie den Verlauf der Grenze niemals vergessen, so dass dieser auf viele Jahre hinaus im kommunalen Gedächtnis verankert blieb.
Warum Grenzgänge?

Für Eigentumsrechte und Steuern waren Gemeindegrenzen von großer Bedeutung. Man musste sie festlegen und verteidigen, damit die Nachbarn keine Grenzsteine zum eigenen Vorteil verschoben. Der Verlauf der Grenze bestimmte, wer auf welchem Kirchhof begraben wurde durfte und wer für Kirchenreparaturen bezahlte. Jahrhundertelang lag die Versorgung der Armen im Königreich in der Zuständigkeit der Gemeinden, deren Bewohner dafür aufkommen mussten. Der jährlich Grenzgang fand oft als kirchliche Prozession. Wie im deutschen Brauch des Flurumgangs beteten der Priester und seine Gemeinde im Frühjahr für eine gute Ernte, prägten sich gleichzeitig die Markierungen ein und setzte sie wieder instand.
Wo lebt die Praxis noch?

In etlichen englischen Orten lebt die Praxis weiter oder wurde wieder belebt. Alle sieben Jahre setzt sich sich der mit Amtskette und Insignien bekleidete Bürgermeister von Richmond in der Grafschaft Yorkshire an die Spitze einer Bürgerprozession. Dabei muss er in den River Swale hinein waten, denn dort liegt die Grenze. In Poole an der Südküste stellt man bei einer Bootsfahrt fest, wo der Hafen endet und das offene Meer beginnt. In Oxford wurden über viele Jahre die Grenzen des Pfarrbezirks der Kirche St Michael at the North Gate überbaut. Deshalb schreiten die Gläubigen feierlich durch ein Kaufhaus, wo unter dem Ruf „Mark, Mark!“ lange Ruten auf eine sonst durch Kleiderstände verdeckte Bodenplatte treffen. In London ermöglicht die Kirche St Martin-in-the-Fields allen Interessierten den virtuellen Grenzgang durch eine App, und der historische Bezirk um den Tower of London wird heute noch von uniformierten Wächtern („Beefeaters“) in Begleitung von Schulkindern und Chorknaben einmal jährlich bestätigt. Weil es im Jahr 1698 zwischen den Tower-Verteidigern und der benachbarten Pfarrei All Hallows-by-the-Tower zu einer gewalttätigen Konfrontation kam, behauptet auch All Hallows bis heute ihrTerritorium mit einem Umzug. Eine Suche auf Youtube ergibt einige unterhaltsame Darstellungen dieser Zeremonien. 

In Deutschland
Ein bekannter Grenzgang in Deutschland findet alle sieben Jahre in Biedenkopf im oberen Lahntal statt und geht auf einen historischen Streit mit einer Nachbargemeinde über Waldrechte zurück. Das Ereignis ist aber mittlerweile zu einem Volksfest mutiert. 

Der auf dieser Website beschriebene Gang um England ist eine nicht-religiöse, gewaltfreie Begehung. Ich habe nicht vor, irgendjemanden oder irgendetwas zu schlagen.